Sam Seitz

Die Nazizeit überdauert als eine der schlimmsten Zeiträume der Geschichte Deutschlands. Von dem Anfang der Entnazifizierung bis heute fühlen viele sich beschämt über die Verbrechen der Vergangenheit, und die monströsen Akte des Naziregimes beflecken noch heute die deutsche Geschichte. Obwohl die Schuld des Naziregimes absolut klar ist, gibt es weitere Fragen über die Rolle der Zivilgesellschaft im Hinblick auf die Handlungen von Hitler und seinen Beamten. Was für Widerstand wurde in Nazideutschland geleistet, und hatte dieser Widerstand Erfolg? Wie viele wählten, der Regierung zu widerstehen, und warum blieben andere gleichgültig? Diese Fragen sind immer noch schwierig zu beantworten, weil Informationen darüber oft versteckt sind und, weil die Mehrheit sich auf Hitler und Goebbels anstatt auf die Andersdenkenden sich fokussiert. Erfreulicherweise hat neuere Forschung diese Aspekte der Nazizeit zu erforschen begonnen. Und es gibt deshalb jetzt eine neue Gelegenheit, diesen wesentlichen Teil des Zeitraums zu analysieren.

Vielleicht einer der besten Untersuchungen von Widerstand während des Herrschens der Nazis ist Peter Schneiders Buch Und wenn wir nur eine Stunde gewinnen. Durch seine tiefe Forschung über das Leben von dem Juden Konrad Latte und die Unterstützung, die er von ganz normalen Menschen bekam, kommt Schneider zu einem umstrittenen und kühnen Schluss: „Der Erfolg einer Diktatur hängt, ebenso wie der Erfolg des Widerstandes gegen sie, nicht von irgendwelchen „großen Führer“ ab, sondern von den zivilen Tugenden der gewöhnlichen Bürger.“ Mit anderen Worten behauptet diese These, dass die ganze Bevölkerung mehr Einfluss als ein paar „Helden“ hat, weil ihre Akzeptanz der Regierung oder Demonstrationen gegen sie die Möglichkeit alles sich zu verändern hat. Diese These ist faszinierend, denn, wenn sie richtig wäre, würde sie einen wichtigen, neuen Aspekt der Geschichte beleuchten. In jedem Fall wirft sie wichtige Fragen über die Auswirkung der mutigen Widerstandsgruppen, die gegen Hitlers Regime demonstrierten, auf.

Die Proteste im Februar 1943 auf der Rosenstraße sind ein offensichtliches Beispiel des Widerstands in dem dritten Reich. Diese Protestbewegung begann, als hunderte Frauen für die Freigabe ihrer jüdischen Männer demonstrierten, nachdem sie von der Gestapo festgenommen wurden, damit sie schließlich nach Auschwitz geschickt werden konnten. Die Frauen dieser Männer, die selbst arisch waren, leisteten eine ganze Woche auf der Straße Widerstand, um ihren Unmut zu zeigen und Druck auf die Polizei auszuüben, die Gefangenen freizulassen. Trotz des bitterkalten Wetters und der Möglichkeit, dass die Gestapo oder Polizei heftige Maßnahmen gegen sie ergreifen würden, blieben die Frauen Tag für Tag auf der Straße. Am Ende der Woche lenkte die Polizei ein, und die Frauen sahen den Erfolg ihres Widerstands, als ihre Männer das Gefängnis verlassen durften. Es scheint, als wäre dies ein klares und bewegendes Beispiel von mutigem Widerstand. Aber ist ein kleiner Erfolg wie dies, Beweis für die These von Schneider oder nur eine interessante Anekdote ohne eine weitere Bedeutung?

„Viele haben den Protest in der Rosenstrasse als isoliertes Zufallsereignis ohne tiefere Bedeutung gesehen“, teilt Professor Nathan Stoltzfus in seinem Artikel „Helden ohne Namen“ mit. Aber dieser Eindruck sei falsch, so er. Zum Beispiel erwähnt er eine Protestbewegung in Nordrhein-Westfalen, die wegen der Beseitigung von Lebensmittelkarten geschah. Das Regime wollte die Beseitigung der Lebensmittelkarten benutzen, um die Evakuierung von Nordrhein-Westfalen zu beschleunigen. Statt dem Evakuierungsplan zu folgen, wählten die Demonstranten, zu Hause in ihren Wohnungen zu bleiben. Dies löste eine Krise aus, weil Hitler streng sagte, dass er keinen Ärger an der Heimatfront wollte. Und trotz der anfänglichen Aktionen des Staates gegen den Widerstand, wurde es sehr klar, dass die Regierung nachgeben musste. Insgesamt deutet dieses Beispiel an, dass die zwingende Macht der SS und Gestapo eventuell übertrieben ist und, dass effektiver Widerstand ohne Verletzte sogar in einem militärischen und totalitären System wie Nazideutschland möglich war und hoffentlich noch ist. Jedoch ist diese Anekdote nicht wirklich die Art von Zivilcourage, die Schneider meint. Es ist sicherlich ermutigend zu sehen, dass normale Menschen die Möglichkeit hatten, die Politik des Staates zu verändern. Aber dieser Widerstandakt hatte weder die Gefahr noch den Stellenwert, welche die Akte für die Verteidigung der Juden hatten. Trotzdem zeigen Akte wie diese, dass manche Menschen den Mut hatten, Widerstand zu leisten und ihre Gedanken zu schützen.

Was sind die Verwicklungen, die aus diesem Argument aufkommen? Wenn Experten wie Schneider und Stoltzfus Recht hätten, würde ihre These unser ganzes Verständnis von Nazideutschland ändern. Der Grund dafür wurde von Schneider in seinem Buch sehr deutlich erklärt. Nämlich würde es heißen, dass die deutsche Bevölkerung Verantwortung hätte, genau weil sie die Gelegenheit gehabt hätten, das System zu verbessern. Schneiders These würde nicht die Schuld der Denunzianten und Mitläufer kleiner machen, sondern sie würde sie vergrößern, denn sie würde den Rechtfertigungsmythos der Kriegsgeneration widerlegen. Wenn die Änderung des Systems eigentlich möglich gewesen wäre, würden die, die Widerstand leisteten, Helden sein und die, die nichts taten, noch schuldiger sein.

Aber wie in jedem Argument gibt es verschiedene Meinungen über die Macht und den Erfolg dieser Widerstandakte. Ein sehr starker und gut argumentierter Eindruck von der anderen Seite kann in Christian Habbes Artikel „Wunder und Wahrheit“ gesehen werden, in dem er explizit auf die Position von Stoltztfus in „Helden ohne Namen“ reagiert. Spezifisch zitiert er Forschung über die Rosenstraße von dem deutschen Historiker Wolf Gruner, die von staatlichen Berichten zeigt, dass die Regierung schon entschieden hatte, die festgenommenen Juden freizulassen. Also der Protest auf der Rosenstraße wäre fast komplett irrelevant gewesen, argumentiert zumindest Habbe. Aber der Protest war nicht nur nutzlos, sondern er war auch schädlich, weil ungefähr 450 andere Juden ohne arische Frauen nach Auschwitz geschickt wurden, um die „Geretteten“ zu ersetzen. Wenn dies wirklich der Fall gewesen wäre, würde es bedeuten, dass die Frauen keine Rolle in der Befreiung ihrer Männer gespielt hätten. Deshalb ist es möglich, dass die Macht der Bevölkerung vielleicht begrenzter war als „Helden ohne Namen“ verkündet.

Die Wahrheit liegt fast sicherlich zwischen den zwei obengenannten Meinungen von Stolztfus und Habbe. Leider werden wir sie nie exakt wissen, denn die komplette Geschichte des Widerstands im dritten Reich wird wahrscheinlich nie komplett gewusst werden, weil so wenige Aufzeichnungen noch existieren und die Kriegsgeneration uns fast verlassen hat. Was trotzdem klar ist, ist, dass es viele Deutsche gab, die vor Gefahr standen, um die Rechte und das Leben der Juden und anderen sogenannten staatlichen Feinden zu verteidigen. Und wegen ihrer Akte überlebten viele, die sonst in den Krematorien von Auschwitz verbrannt worden wären. Es ist unglaubwürdig, dass relativ kleine Protestgruppen und Widerstandsgruppen, wie die, die auf der Rosenstraße demonstriert haben oder der Familie Latte halfen, das Regime zerstören könnten. Aber das heißt natürlich nicht, dass ihre Versuche, für Justiz und Gerechtigkeit zu kämpfen, bedeutungslos waren. Ja, diese Proteste führten keine große Änderung herbei, aber sie waren ehrenhafte Aktivitäten, deren Rolle in deutscher Geschichte immer noch extrem bemerkenswert ist. Vielleicht ist es nicht wahr, dass die „Tugenden der gewöhnlichen Bürger“ allein genug sind. Doch sie sind wichtige Teile des Widerstands. Und wenn die Protestakte früher und koordinierter gewesen wären, hätte Hitlers Regime eventuell nie die totalitäre Alptraumwelt des dritten Reich kreieren können.